Flucht über den Himalaya

Tibets Kinder auf dem Weg ins Exil

Rund 1000 tibetische Kinder und Jugendliche werden jedes Jahr von ihren Eltern allein über den Himalaya nach Indien geschickt. Ihr Ziel sind die Schulen des Dalai Lama in Nordindien. Dort, so hoffen die Eltern, erwartet sie eine bessere, freie Zukunft.

 

"Als ich meinen Eltern auf Wiedersehen sagte, dachte ich, ich würde sie nie mehr wiedersehen. Sie weinten, und das machte mich so traurig. Sie sagten, ich soll gut aufpassen auf dem Weg. Sie sagten, ich soll ein fleißiger Schüler sein. Sie sagten, sie würden mich besuchen. Ich sagte immer nur ja ... ja."

Seit der Besetzung Tibets durch China haben die Kinder Tibets keine Zukunft mehr. Das Schulgeld ist zu hoch für das verarmte Volk. Viele Eltern entschließen sich deshalb, ihre Kinder über die verschneiten Himalaya-Pässe in das indische Exil zu schicken, wo der Dalai Lama Ausbildungsstätten für tibetische Kinder aufgebaut hat. Schlecht ausgerüstet mit Turnschuhen und gerade soviel Proviant, wie sie schleppen können, ziehen sie los. Immer wieder bleiben Kinder im ewigen Eis zurück - gestorben an Erschöpfung und Kälte.

Sendetermin:

Do, 09.04.09, 00.20 Uhr

Auf der Suche nach dem Dalai Lama

Dhondup ist eines von sechs Kindern, die in einer Nacht im April 2000 die Flucht von Tibet nach Indien antreten. Ihr Ziel sind die Schulen des Dalai Lama in Nordindien. Schlecht ausgerüstet, mit Turnschuhen und gerade soviel Proviant wie sie tragen können, ziehen sie los. Der Guide Nima, von dem die Leute sagen, er sei so gut wie Gold, bringt sie über einen fast sechstausend Meter hohen Pass im Himalaya. Halbtot vor Erschöpfung, Kälte und Heimweh nach ihren Eltern kämpfen sie sich durch den Schnee.

Rund 1000 tibetische Kinder und Jugendliche werden jedes Jahr von ihren Eltern allein über den Himalaya nach Indien geschickt. Ihr Ziel: die Schulen des Dalai Lama. Dort, so hoffen die Eltern, erwartet sie eine bessere, freie Zukunft. Oft bleiben Kinder im Eis zurück und erfrieren. Doch auch wenn sie die Flucht überleben: Für viele ist es ein Abschied für immer von Eltern und Familie in Tibet.

Abschied für immer

Maria von Blumencron weiß, was das bedeutet. Ihre Mutter verließ sie mit zweieinhalb Jahren und kam nie mehr zurück. Die sportliche junge Frau ist Schauspielerin und lebt in Köln. Dort wird sie durch einen Fernsehbericht auf das Schicksal der tibetischen Kinder aufmerksam.

Die leidenschaftliche Bergsteigerin beschließt, selbst eine Gruppe von Kindern auf der Flucht zu begleiten - und einen Film darüber zu drehen: "Mich hat das unheimlich bewegt. Warum schicken Eltern ihre Kinder weg? Alleine. Mit einem Flüchtlings-Führer, ohne zu wissen, ob sie jemals im Exil ankommen. Ich dachte auch, wie kann man so verantwortungslos sein?"

Dann sei sie selbst in die Gegend gereist, habe viele Gespräche geführt: "Ich bin darauf gekommen, dass das wirklich aus Verzweiflung geschieht und nicht aus Verantwortungslosigkeit, dass das eigentlich nur die Spitze eines großen Eisberges ist."

Systematisch unterdrückt

Tibet. Ein schwer zugängliches, unwirtliches und sehr armes Land. Die Tibeter sind Nomaden. Die Yaks, tibetische Hochland-Rinder, ihr einziges Kapital. Ein Land, das zu besetzen sich nicht lohnt - auf den ersten Blick. Doch Tibet ist auch militärischer Schutzwall gegen Indien. Es hat Wälder und Bodenschätze und ist das Ursprungsland der fünf größten Flüsse Asiens. Deshalb hat China das Land vor über 50 Jahren "befreit". Religion und Kultur Tibets werden von China seitdem systematisch unterdrückt. "Die Chinesen haben sich schon verpflichtet, jedem Kind ab dem 6. Lebensjahr eine Ausbildung zukom-
men zu lassen," erklärt Maria von Blumencron die Not der Tibeter, "aber die Realität ist, dass für viele tibetische Familien das Schulgeld nicht bezahlbar ist, weil sie sehr arm sind. Außerdem wird in den meisten Provinzen ab dem zweiten Schuljahr nur noch auf Chinesisch unterrichtet. Die tibetischen Kinder können dann dem Unterricht nicht mehr folgen."

Keine rosigen Aussichten

Aus wirtschaftlicher Not und auch aus Angst um ihre tibetische Identität schicken viele Eltern ihre Kinder daher nach Indien in die Schulen des Dalai Lama. Auch Dhondup und die anderen fünf Kinder, die Maria von Blumencron auf ihrer Flucht begleitete, leben jetzt dort. "Sie haben sich prächtig entwickelt", sagt Maria von Blumencron. "Es sind begabte, gute Schüler und alle werden wohl einmal studieren." Nicht für alle Kinder im indischen Exil sind die Aussichten so rosig. Viele von ihnen sind trotz guter Ausbildung von Arbeitslosigkeit bedroht. Und zurück können sie nur unter Schwierigkeiten. In Tibet müssen sie mit Gefängnis und Folter rechnen.

Dass sich an dieser Situation etwas ändert, ist zur Zeit nicht abzusehen. Schließlich möchte es sich niemand mit dem Wirtschaftsriesen China verderben. Im August des Jahres 2003 ist der deutsche Export nach China im Vergleich zum August des Vorjahres um 50 Prozent gestiegen. Die deutschen Politiker werden das als Bestätigung für ihre Chinapolitik sehen.

Maria von Blumencron ist da anderer Meinung: "Irgendwann muss man doch mal realisieren, dass man nicht alles dem sogenannten Wirtschaftswachstum opfern kann." Sie will sich jedenfalls nicht abfinden. "Tibet braucht Öffentlichkeit", sagt sie. Deswegen habe sie die Geschichte "ihrer" sechs Kinder aufgeschrieben. "Es ist die Geschichte tausender tibetischer Kinder," schreibt sie, "die ganze Welt soll sie erfahren."

Film von Maria Blumencron und Richard Ladkani